So lang sind die Tunnel in den Alpen

Alpentunnel – unterirdisch verlaufen die verborgenen Routen durch die mächtigen Gebirgsstöcke der Alpen. Sie sind ebenso wie die traditionellen Gebirgspässe enorm wichtige Verkehrswege und durch unglaubliche Bauleistungen ermöglichen die Tunnel eine direkte Verbindung für den Straßen- und den Schienenverkehr. Wir stellen dir die ältesten, längsten und wichtigsten existierenden sowie geplanten Alpentunnel vor. 

Die ersten Verkehrstunnel der Alpen

Besonders im 19. Jahrhundert wandelte sich die Infrastruktur im Alpenraum enorm. Durch die Industrialisierung und technische Fortschritte begann nicht nur das Ausbauen von Eisenbahnstrecken, sondern auch der Tunnelbau wurde erheblich leichter und änderte das Verkehrsnetz grundlegend. Lange Wege über Serpentinenstraßen mit extremer Steigung wurden auf Direktrouten verkürzt. 

1871 wurde der damals circa 12 Kilometer lange Mont-Cenis-Tunnel als erster Eisenbahntunnel in Betrieb genommen. Er verbindet das französische Savoyen mit dem italienischen Piemont. Für ein Jahrzehnt trug er den Titel des längsten Tunnels der Welt. Der erste Straßentunnel der unter einem Alpenpass durchführt wurde elf Jahre später 1882 eingeweiht – der Col-de-Tende-Straßentunnel blieb für die nächsten 80 Jahre der längste Straßentunnel der Alpen. 


Alle Alpentunnel auf unserer Alpen-Karte “Alpen gestalten”

Aber auch schon vor Zeiten der Eisenbahn und des Autos untertunnelte man mit Hilfe von Sprengung Berge um Verkehrswege zu erschließen. So zum Beispiel das Urnerloch bei Andermatt in der Schweiz. Ursprünglich 64 Meter lang wurde der Tunnel 1707–1708 erschlossen. Er war gerade hoch genug, dass sich Saumtiere durchführen ließen. 

Als ältester Verkehrstunnel gilt jedoch der Buco di Viso an der italienisch-französischen Grenze in den Cottischen Alpen. Er wurde zwischen 1479–1480 für einfacheren Handel erbaut und führt 75 Meter lang durch den Fels. 

Wichtige Alpentunnel

Die Verkehrswege durch die Alpen sind wirtschaftlich von großer Wichtigkeit. Nicht nur über die Pässe, sondern vor allem durch die Tunnel werden viele Güter transportiert. So sind die Alpen Teil der Transeuropäischen Netze (TEN), ein Konzept der Europäischen Union zur Stärkung der inneneuropäischen Wirtschaftsverbindungen. Gleich vier TEN-Korridore verlaufen durch die Alpen und verbinden Europa in Nord-Süd und West-Ost Richtung.

Die vier längsten Tunnel der Alpen

Gotthard-Achse

Gotthardtunnel (1882) – 15 km

Mit Erschließung der Bahnstrecken, wie der Gotthardbahn träumten die Ingenieure von noch größeren Projekten. So schlug man bereits 1852 das erste mal ein Tunnel durch das Gotthardmassiv vor. Nach circa zehn Jahren Bauzeit eröffnete die Schweiz 1882 dann den 15 km langen einröhrigen Eisenbahntunnel, der den Kanton Uri mit dem Tessin verbindet.

Im Durchschnitt liegt der Tunnel 1,100 Meter tief unter der Gebirgsmasse. Mit seiner Eröffnung löste der Gotthardtunnel den Mont-Cenis-Tunnel als längsten Eisenbahntunnel ab. Über das Jahrhundert hinweg wurde der Tunnel weiter ausgebaut und die Anzahl an passierenden Zügen und Warentransporten steigerte sich zunehmend. 

Gotthard-Strassentunnel (1980) – 16,9 km

Seit 1980 gibt es zusätzlich zu dem Gotthardtunnel den 16,9 km langen Gotthard-Straßentunnel, womit der vorherige Autotransport mit der Eisenbahn eingestellt wurde. Der Gotthard-Straßentunnel ist der viertlängste Straßentunnel der Welt und der längste der Alpen. Er verbindet ebenfalls die Ortschaften Göschenen und Airolo und gilt als wichtigste schweizer Verkehrsachse für Autos durch die Alpen.

Durchschnittlich passierten 2019 rund 17.500 Fahrzeuge den Tunnel pro Tag. Der Tunnel besteht aus einer einzigen Röhre mit je einer Fahrbahn pro Richtung. Damit es nicht zur Überfüllung und Unfällen kommt wie es beispielsweise 2001 der Fall war, gibt es Ampeln zur Regulierung. Mittlerweile ist der Tunnel etwas ins altern gekommen und muss saniert werden. Da eine mehrjährige Sperrung der Straßenverbindung aber nicht zu verkraften wäre, beschloss man nach einem Volksentscheid in der Schweiz einen zweiten Tunnel 70 m östlich der jetzigen Röhre zu bauen. Der Bau des zweiten Tunnels soll 2021 beginnen und bis 2029 vollendet werden. Anschließend will man den Tunnel von 1980 schließen und sanieren, sodass danach beide Tunnel zur Verfügung stehen können. 

Gotthard-Basistunnel (2016) – 57 km

Bereits Ende der 1980er Jahre wurde der Bau eines Gotthard-Basistunnels diskutiert. Grund dafür war das erhöhte Verkehrsaufkommen und der Warenverkehr. Aus Umweltgründen stand fest, dass der Güterverkehr auf Straßen nicht steigen sollte, sondern viel mehr auf die Gleise verlegt werden sollte. 

Erst im Jahr 2016 war das Projekt vollendet und der Gotthard-Basistunnel wurde eingeweiht. Mit einer Länge von 57 km ist der Tunnel unterhalb des Gotthardmassivs bis dato der längste Eisenbahntunnel der Welt. Die Ortschaften Erstfeld und Bodio werden durch zwei einspurige sich nebeneinander befindenden Röhren verbunden. Als Basistunnel bezeichnet man Tunnel die mit nur sehr geringer Steigung einen Gebirgsstock untertunneln. So lieg er unterhalb des ursprünglichen Gotthard Eisenbahntunnels. Nicht nur wird durch die niedrigere Lage mit geringerer Steigung die Strecke verkürzt, sondern es ist auch möglich schwerere Güterzüge zu betreiben, welches wiederum umweltfreundlicher ist. Die Schweiz bezeichnet den Tunnel als revolutionär für den europäischen Warenverkehr.

Lötschberg-Simplon-Achse

Simplontunnel (1906) – 19,8 km

1906 wurde der knapp 20 km lange Simplontunnel erstmalig in Betrieb genommen. Er verläuft unterhalb des Simplonpass zwischen dem Schweizer Wallis und dem Val d’Ossola in Italien und stellte die schnelle Nord-Süd Verbindung der Westschweiz dar.

Simplontunnel

Aufgrund seiner Länge wurde der Tunnel nicht von Dampflokomotiven befahren, sondern lediglich elektrisch operiert. Bis in die 1970er Jahre trug er sogar den Titel des längsten Gebirgstunnel der Welt. Besonders bekannt ist der Simplontunnel zudem als Abschnitt des ehemaligen Simplon-Orient-Express, einem Fernzug der von 1920 bis 1962 die Strecke Paris–Venedig–Istanbul befuhr.

Simplon-Orient-Express

Die zwei einspurigen Röhren sind ausschließlich für den Eisenbahnverkehr ausgelegt, jedoch findet ein Autotransport mit der Bahn bis heute statt. 

Lötschbergtunnel (1913) – 14,6 km

Nördlich des Simplontunnels, aber ebenfalls Teil der Lötschberg-Bergstrecke, befindet sich der 14,6 km lange Innerschweizer Lötschbergtunnel, welcher 1913 fertiggestellt wurde. Der zweigleisige Scheiteltunnel prägt den Streckenabschnitt von Spiez nach Brig im Wallis.

Lötschbergtunnel

Von 2018 bis voraussichtlich 2023 wird eine Fahrbahnerneuerung der 40 Jahre alten Gleise vorgenommen. Da man keine Totalsperrung vornehmen kann, wird unter laufendem Betrieb gebaut und es operieren weiterhin Autozüge.  

Lötschberg-Basistunnel (2007) – 34,6 km

Mit Planung des Gotthard-Basistunnels ging Ende der 1980er Jahre der Projektvorschlag des Bau eines rund 34,6 km langen Lötschberg-Basistunnel zwischen Thun und Brig einher. Der zweiröhrig geplante Tunnel wurde 2007 eröffnet und ist der fünftlängste Eisenbahntunnel der Welt sowie eine der wichtigsten Routen für den Güterverkehr.

Lötschberg-Basistunnel

Zur Zeit ist ein Ausbau des Tunnels geplant, sodass Teilstrecken und eventuell der gesamte Tunnel doppelspurig auf zwei Röhren befahren werden können wodurch die Kapazität gesteigert wird. Dies soll aber erst zwischen den Jahren 2025 und 2031 passieren. 

Mont-Cenis-Achse

Mont-Cenis-Tunnel (1871) – 13,7 km

Der Mont-Cenis-Tunnel ist der älteste Eisenbahntunnel der Alpen. Bei seiner Eröffnung maß er circa 12 km und war somit für ein Jahrzehnt der längste Tunnel seiner Zeit bis er vom Gotthardtunnel abgelöst wurde.

Mont-Cenis-Tunnel
Mont-Cenis-Tunnel

Später wurde er auf seine heutige Länge von 13,7 km ausgebaut. Er verbindet das französische Savoyen mit dem italienischen Piemont und war ein wichtiger Teil der Route von Großbritannien zu den Mittelmeerhäfen und von dort aus zu den damaligen britischen Kolonien. Der Tunnel war eine technische Meisterleistung, durch pneumatische Bohrhämmer und Sprengungen wurde die geplante Bauzeit enorm verkürzt. Erstmalig wurde die Röhre auch simultan von beiden Seiten erschlossen. 

Fréjus-Straßentunnel (1980) – 12,9 km

Parallel zum Mont-Cenis Eisenbahntunnel befindet sich der mit einer Länge von 12,9 km etwas kürzere Fréjus-Straßentunnel, welcher im Jahr 1980 eröffnet wurde. Mit der Öffnung, wurde der Autotransport per Eisenbahn dadurch hinfällig. Der Fréjus-Straßentunnel ist einer der Haupttransportwege durch die französischen und italienischen Alpen. Seit einem schweren Tunnelbrand im Mont-Blanc-Tunnel 1999 wurde die Tunnelsicherheit in vielen europäischen Tunneln verschärft, so auch im Fréjus-Tunnel. Ein paralleler Rettungsstollen ist im Bau und soll 2021 eröffnet werden. In der Mitte des Tunnels befindet sich eine Abzweigung zum Modane Underground Laboratory, eines von vier europäischen Untergrundlaboratorien. In der durch das Gestein vor kosmischer Strahlung geschützten Versuchsstation finden Experimente der Teilchenphysik statt. 

Tunnelprojekte der Zukunft

Das Ausbauen der Infrastruktur in den Alpen ist von ständigem Interesse und so sind zurzeit viele weiteren Tunnelprojekte in Konstruktion. Neben den bereits bestehenden Tunneln der Mont-Cenis-Achse, soll bis 2029 der Mont-Cenis-Basistunnel als Teil der Strecke Lyon–Turin eingeweiht werden. Mit einer länge von 57,5 Metern wird er den Gotthard-Basistunnel als längsten Tunnel zunächst einmal ablösen. 2020 wurde mit dem zweigleisigen Ceneri-Basistunnel ein weiterer Basistunnel eröffnet. Er ist Teil der neuen Gotthardstrecke. 

Das wohl wichtigste Basistunnelprojekt ist jedoch der Brenner-Basistunnel. Bis dato ist der stark frequentierte Alpenpass noch nicht untertunnelt. Die Eröffnung ist für 2028 geplant. Der Tunnel soll lediglich 55 Kilometer Länge haben. Da er jedoch ohne Unterbrechung an den bestehenden Inntaltunnel der Umfahrung Innsbruck anschließen soll, entsteht hier ein Tunnelabschnitt mit insgesamt 64 Kilometern Länge. Als Abschnitt der Verbindung Berlin–Palermo ist er Teil des Skandinavisch-Mediterranen TEN Handelkorridors. Auch in Österreich sind mit dem Koralmtunnel (32,9 Kilometer Länge) und dem Semmeringbasistunnel (27,3 Kilometer), die 2026 bzw. 2027 eröffnet und Teil des neuen Verkehrskorridors zwischen Baltikum und Adria werden sollen, wichtige Tunnelprojekte im Gange.


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